Das Jahr 1989
Ein Flop im Olympiastadion und seine Folgen
„Es ist vorbei"
Ein ungewöhnlicher Prediger: Spitzer ist wieder da
Helmut Matthies
Er war Anfang der 80er Jahre einer der bekanntesten, aber auch umstrittensten Prediger in Deutschland:
Volkhard Spitzer, Vater der Jesus-People in Deutschland und einer der ersten Köpfe der neu aufgekommenen charismatischen Bewegung.
In den letzten drei Jahren ist es still um den langjährigen Leiter des Christlichen Zentrums Berlin (CZB) geworden.
Mitte September zog der 46jährige Pastor zu seinen Eltern nach Kanada, nicht ohne mehr als einen Koffer in Berlin zu lassen.
Zuvor kam es zu einer zweiten dramatischen Wende in seinem Leben.
Alles begann, als sich der spätere Charismatiker ausgerechnet in einer Bewegung bekehrte,
die allem Pfingstkirchlichen mehr als skeptisch gegenüber steht: im Diakonissenmutterhaus Gunzenhausen (Mittelfranken) bei einer
Glaubenskonferenz des Jugendbundes für Entschiedenes Christentum (EC).
Beide, Mutterhaus wie EC, gehören zur pietistischen Dachorganisation Gnadauer Verband.
Der damals 12 jährige wurde weiter geprägt durch die Gottesdienste von pfingstkirchlichen US-Armeeangehörigen in seiner Heimatstadt Göppingen.
Schon bald fing er, inzwischen 16 Jahre, an, zu evangelisieren.
Rhetorisches Naturtalent
Für das rhetorische Naturtalent war klar, dass er Prediger werden sollte. Ein Bibelschulstudium bei London brach er ab,
nachdem ihn 1964 ein Ruf nach Berlin ereilte. Eine dortige pfingstkirchliche Gemeinde zählte nur ein paar Dutzend meist alte Mitglieder.
Sie sollte Spitzer fortan betreuen. Es reichte ihm nicht. Der damals 21 jährige wurde bald zum enfant terrible der alten
Reichshauptstadt - jedenfalls aus kirchlicher Sicht.
Er kümmerte sich um die ersten Drogensüchtigen und andere Ausgeflippte in den schlimmen Vierteln der Stadt.
Zahlreiche bekehrten sich. Bilder von spektakulären Massentaufen in der Spree gingen durch die Medien, sogar den „Spiegel".
Das Ganze war das, was dann auch als Jesus-People-Bewegung bezeichnet wurde.
Spitzer erfasste die ehemaligen Süchtigen in Teestuben und im inzwischen aus seiner Gemeinde hervorgegangenen freikirchlichen Christlichen Zentrum Berlin.
Als Leitfigur der „Jesus People" in Deutschland inzwischen über Berlin hinaus bekannt, bewegte sich Spitzer immer mehr weg von pfingstkirchlicher Prägung
hin zur in Deutschland aufkommenden und ihr verwandten, aber überkonfessionellen charismatischen Bewegung.
1979 organisierte er den ersten Charismatischen Kongress in Deutschland. Prominenteste Sprecher waren vor den l .600 Teilnehmern die Schwester
des damaligen US-Präsidenten Jimmy Carter, die Evangelistin Ruth Stapleton - Carter, und der Berliner Altbischof Kurt Scharf.
In jenem Jahr erhielt Spitzer eine Vision, die zu seiner ersten großen Lebens- und Berufskrise führen sollte: Er solle im Frühjahr 1981 für drei Tage
das Olympiastadion mieten, das dann mit 80.000 Besuchern gefüllt sein werde.
Unklarheiten im Blick auf die Vision, die verschieden interpretiert wurde, Fehler in der Werbung wie Vorbereitung überhaupt und vor allem völlig überzogene
Erwartungen führten dazu, dass sich Kirchen, Freikirchen und die Evangelische Allianz von der als überkonfessionelle Bekenntnistage geplanten evangelistischen
Großveranstaltung distanzierten.
Die Folge war ein Rückzug bei den Anmeldungen und bei fast allen nicht-charismatischen Rednern. Spitzers Veranstaltung sorgte 1981 für mehr Aufregung
als der damalige Kirchentag in Hamburg. Dabei geriet Spitzer ins kirchliche „Aus". Sein „Berlin '81" wurde menschlich gesehen ein großer Flop.
Statt 80.000 kamen über 20.000 aus 25 Nationen über Pfingsten ins Stadion.
Spitzers Vision hatte sich nicht erfüllt. Er bekannte es öffentlich. Dennoch überraschte die Veranstaltung dadurch, dass sie völlig unpfingstlerisch ablief.
Die Atmosphäre im Olympiastadion war durchweg positiv. Jedes Extrem wurde vermieden.
So der Eindruck der befragten - allerdings wenigen - nichtpfingstlerischen prominenten Evangelikalen bei Berlin '81.
Die sogenannten Bekenntnistage waren eine internationale Evangelisation nach mehr oder weniger amerikanischem Vorbild.
Bester Kirchenbesuch in ganz Berlin
Der gemäßigte Verlauf von Berlin '81 führte dazu, dass Spitzer wieder positiver, insbesondere von der Berliner Kirche, beurteilt wurde.
Vor allem dadurch war es möglich, dass das Christliche Zentrum Berlin die traditionsreiche ehemalige Garnisonskirche erwerben konnte,
nachdem sich der Plan, ein eigenes großes Gemeindezentrum zu bauen, zerschlug.
In dieser Kirche am Südstern finden seither die Gottesdienste und sonstigen Veranstaltungen des CZB statt.
Bei der Eröffnung gab es - was 1981 noch undenkbar gewesen wäre - ein Grußwort der Evangelischen Kirche von Berlin-Brandenburg (West).
In der ehemaligen Garnisionskirche am Südstern
befindet sich das christliche Zentrum Berlin
Spitzers sonntägliche Zuhörerschar wuchs auf l .200 – der umfangreichste Besuch im West- wie Ostteil Berlins.
Die Auseinandersetzungen insbesondere um Berlin '81 waren jedoch nicht spurlos an Spitzer vorübergegangen.
Dazu kam, dass er - der von Finanzen wenig Ahnung hatte - feststellen musste, dass sich sein Geschäftsführer finanziell mehr als vergaloppiert hatte.
Es fehlten schließlich rund eine halbe Million DM in der Kasse. Spitzer musste für seine Gemeinde „betteln“ gehen.
Ausgebrannt, kaputt und enttäuscht
Schon zu seinem 20jährigen Dienstjubiläum als Leiter des Zentrums 1984 spürte Spitzer, dass er geistlich zusehends ausblutete:
„Ich war ausgebrannt, innerlich kaputt und enttäuscht." Er begann, einen Nachfolger für sich zu suchen.
Seine Ehe, belastet durch die turbulenten letzten Jahre und zahllose Evangelisations- und Vortragsverpflichtungen außerhalb Berlins, drohte zu zerbrechen.
Insbesondere als er eine andere Frau, eine Rundfunksängerin, kennenlernte.
Um seiner Gemeinde Probleme zu ersparen, trat er Ende 1986 nach 22jähriger Leiterschaft aus dem Christlichen Zentrum aus.
Sein Nachfolger wurde Peter Dippl aus München.
Als bekannt wurde, dass Spitzer sich von seiner Frau nach mehr als 20 Jahren Ehe scheiden lassen wollte, war dies der wohl größte Schock für seine Gemeinde,
die ihm über viele Jahre durch dick und dünn gefolgt war, in der sich die meisten bei Predigten Spitzers bekehrt hatten.
Spitzer war nun vollends isoliert. Über diese Zeit sagt er: „Ich habe versagt in meiner Ehe, in meiner Familie. Doch ich wusste: Es gibt kein Zurück mehr.“
Finanziell hielt er sich über Wasser als freier Bestattungsredner. Zeitweise beerdigte er über 30 Berliner im Monat.
Gleichzeitig gründete Spitzer ein Missionswerk: Cross Continental Mission.
Es ist evangelistisch wie diakonisch in der Dritten Welt tätig.
Spitzer wollte sich scheiden lassen
Alles wurde jedoch überschattet von seinen Eheproblemen.
Dazu Spitzer: „Nach der Trennung von meiner Frau wurde ich eingedeckt von Hunderten von Briefen. In keinem aber wurde ich gefragt,
warum meine Ehe gescheitert sei. Allein ein Familienangehöriger schrieb mir 60 Briefe, voll mit Bibelworten, die mich zur Buße riefen.
Doch ich war überzeugt, selbst 100 geistliche Führungsleute können mich nicht von dem Entschluss abbringen, mich scheiden zulassen.“
Seine Frau wollte nicht in die Scheidung einwilligen. Nicht nur, weil sie grundsätzlich gegen Ehescheidungen ist, sondern auch, weil sie glaubte,
ihr Mann könnte noch einmal zu ihr zurückkommen. An Silvester 1988 gab es ein letztes Gespräch mit seiner Frau: „Wenn du mich wirklich noch liebst,
dann gib mich frei.“
Frau Spitzer wurde langsam willig, in die Scheidung einzuwilligen. Ein Rechtsanwalt hatte bereits die Formalitäten erledigt.
Im Sommer sollte die Heirat sein. Im Januar dieses Jahres fuhr Spitzer in Urlaub: „Ich war glücklich, dass jetzt alles reibungslos laufen sollte.
Doch merkwürdigerweise konnte ich drei Nächte nicht schlafen.
In der dritten Nacht hörte ich um etwa 4 Uhr eine Stimme: „Es ist vorbei.“
Ehefrau um Vergebung gebeten
Für Spitzer Gottes Stimme, der er nicht widersprechen konnte.
Gleich um acht Uhr rief er seine Frau an, bat sie um Vergebung und um die Möglichkeit eines Neuanfangs.
Es folgten Wochen der Tränen und des Schmerzes im Blick auf die Trennung von seiner Braut.
Ihre Worte: „Wenn Gott zu dir gesprochen hat, dann musst du von mir fort.“
Spitzer zog wieder zu seiner Frau.
Inzwischen ist die Ehe wieder geheilt, die Familie - sie haben einen 22 Jahre alten Sohn - intakt.
Spitzer über seine geistlichen Erfahrungen in dieser Zeit: „Wenn wir glauben, wir selbst könnten uns aus Schwierigkeiten befreien, so ist das Selbsterlösung.
Nicht wir können Freiheit schaffen, sondern allein der Heilige Geist. Wir sollten Menschen in Bedrängnis nicht mit dem Gesetz kommen,
sondern ihnen mit Liebe begegnen und für sie beten, dass der Heilige Geist sie zur Umkehr bringt. Jesus ging dem verlorenen Schaf nach, bis er es fand.
Er schlug es nicht, weil es weggelaufen ist, sondern er trug es heim.
Drei Gottesworte in einer Nacht bewirken mehr als alle anklagenden Briefe und Vorwürfe.“
Spitzer hat inzwischen auch wieder den Kontakt zu seiner Gemeinde aufgenommen. Der Höhepunkt des Happyends soll im nächsten Jahr stattfinden:
die Silberhochzeit Spitzers in seinem Christlichen Zentrum Berlin.
Nach fast dreijähriger Trennung glücklich wiedervereint:
Volkhard Spitzer mit seiner Frau Erika und ihrem 22jährigen Sohn Markus.
Neuanfang in Kanada
Ihm selbst ist inzwischen klar geworden, dass er Berlin zunächst einmal verlassen soll. Zusammen mit seiner Frau ist er am 16. September zu seinen
seit acht Jahren in der kanadischen Stadt Kelowna lebenden Eltern gezogen. Von dort aus will er sein Missionswerk vorantreiben und evangelisieren -
in der Dritten Welt, aber auch wieder in Deutschland.
In Berlin bleibt mehr als ein „Koffer": sein Sohn, seine Zweitwohnung und der Hauptsitz seines kleinen Missionswerkes.
(Quelle: Ideaspektrum 39/89)